Annika ist Schülerin der 7. Klasse einer Mädchen-RS mit nicht unproblematischem Sozial- und Leistungsverhalten. Sie ist Lehrkräften gegenüber eher aufsässig, zeigt impulsive Reaktionen und ist im Gespräch über Fehlverhalten wenig einsichtig. Ihre Leistungen sind mittelmäßig, Hausaufgaben lückenhaft. In ihrer körperlichen Entwicklung ist Annika etwas voraus, gleiches gilt für ihre Interessen. Annika fällt immer wieder als eine Schülerin auf, die nicht ganz angemessen gekleidet zur Schule kommt (Hotpants, T-Shirts mit tiefem Ausschnitt, stark geschminkt).

       
            

Mitte des Schuljahres kommt es zu einer besorgniserregenden Entwicklung in der Klassenchat-Gruppe und weiteren SMS- bzw. Whats-App-Nachrichten. Im Mittelpunkt steht dabei Annika, die sich Vorwürfen und Behauptungen ausgesetzt sieht, dass sie sexuell anrüchiges Verhalten zeige. Dabei wird Annika von einigen Klassenkameradinnen vorgeworfen, sich nicht angemessen zu kleiden („wie eine Schlampe“), in ihrer Freizeit mit Jungs gesehen zu werden (beim „Knutschen“ und „Händchenhalten“) und mit diesen zu schlafen. Annika wehrt sich, indem sie die Vorwürfe abstreitet und ihrerseits – ähnlich lautende - Vorwürfe gegen die Mädchen – und hier vor allem eine Klassenkameradin zu erheben.

Im schulischen Alltag kommt es nun zu Auseinandersetzungen zwischen Annika und diesen Mitschülerinnen.

Intervention: Klassenleiterin überfliegt in regelmäßigen Abständen den Klassenchat und bemerkt dabei die zunehmend beleidigenden und bedrohenden Inhalte.

 

Intervention: Klassenleiterin bespricht sich mit SL und KollegInnen. Die Schulpsychologin wird einbezogen.

Im Schulgespräch mit den beteiligten Mädchen stellt sich heraus, dass es einen zugrundeliegenden Konflikt zwischen Annika und einer Klassenkameradin gibt, die ebenfalls in ihrer Entwicklung weit voraus ist. Beteiligt sind auch einige Mädchen, die hinsichtlich Interessen und Verhalten dem nicht entsprechen und in ihrer psychosexuellen Entwicklung noch nicht fortgeschritten sind.

Intervention: Alle am Klassenchat aktiv beteiligten Mädchen werden zu einem Gespräch in der Schule zusammengerufen, parallel werden die Eltern der betroffenen Mädchen über die Entwicklung des Klassenchats und das Stattfinden des Klärungsgesprächs unterrichtet.

Im Gespräch mit Annika und ihren Eltern wird die Gesamtsituation reflektiert. Es wird deutlich, dass auch die Eltern unzufrieden mit der Art der Mediennutzung ihrer Tochter sind und es aufgrund dessen immer wieder zu häuslichen Konflikten kommt. Die ausgeprägte Aufsässigkeit der Tochter erleben auch die Eltern als belastend, wenngleich sich diese im häuslichen Bereich im Vergleich zum schulischen in abgeschwächter Form äußert.

Intervention: Mit Annika und ihren Eltern wird ein Gespräch unter Einbezug der SL geführt, um die Hintergründe weiter zu beleuchten. Folgende zwei Problembereiche werden in diesem thematisiert:

Verhaltensproblematik mit aufsässigem Verhalten und defizitärem Leistungsverhalten sowie die problematische Entwicklung des Klassenchats. Es wird vereinbart, dass das Cybermobbing im Klassenverband thematisiert werden soll und dabei auch Regeln für diese Chat-Kommunikation miteinander festgelegt werden. Den Eltern wird außerdem nahegelegt, die Tochter in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz (= KJP-Ambulanz) vorzustellen, um dort etwaigen Hilfebedarf abklären zu lassen.

Im Klassengespräch wird deutlich, dass die Dynamik im Klassenchat auf einen Streit zwischen Annika und ihrer Kontrahentin zurückgeht. Beide konkurrieren um Anerkennung in der Peergruppe und beanspruchen die Position der Meinungsführerin. Einige der anderen Mädchen fühlen sich verunsichert von dem betont jugendlichen und femininen Auftreten Annikas.

Intervention: Unter Einbezug der Schulpsychologin werden im Klassenverband Cybermobbing sowie Gefahren und Risiken der Internetnutzung bzw. der Kommunikation unter Nutzung digitaler Medien besprochen. Es erfolgt eine klare Grenzsetzung: abwertende Kommentare werden in Zukunft nicht mehr geduldet und umgehend sanktioniert.

Darüber hinaus wird die Gruppendynamik des Klassenverbandes reflektiert.

 

Annika stellt sich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor und durchläuft eine psychologische Diagnostik. Im abschließenden Bericht wird kein besonderer therapeutischer Handlungsbedarf festgestellt. Es folgt der Vorschlag, einige stützend - beratende Gespräche mit Annika zu führen. In diesen sollen mit ihr ihre soziale Situation reflektiert und Strategien entwickelt werden, mit denen sie zu mehr sozialer Anerkennung kommen kann. Außerdem schlagen die Behandelnden vor, über gemeinsame Gespräche in der Schule die Verhaltensproblematik verbessern zu wollen

 

Intervention: Es finden über einen Zeitraum von etwa ½ Jahr insgesamt drei gemeinsame Gespräche zwischen Annika, der betreuenden Psychologin aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der SL sowie dem Klassenleiter statt. Hierbei stehen mehr das aufsässige Verhalten sowie Verhaltensstrategien zur zukünftigen Vermeidung von Ausgrenzung im Mittelpunkt. Außerdem nimmt Annika einige Gespräche in der KJP-Ambulanz in Anspruch.

Durch die auf Annika und auf die Klassendynamik bezogenen Maßnahmen entspannt und verbessert sich die Gesamtsituation für alle Beteiligten deutlich.

Als besonders wirksam erweisen sich die klare Stellungnahme und Ankündigung der Sanktionierung bei abwertenden Äußerungen in Netz durch die Schule, die Reflexion der Beziehungsdynamik in Klassenverband sowie die Erstvorstellung Annikas in der KJP-Ambulanz.