Drucken

Akutreaktionen

Nach sexueller Gewalt kann es zum Weglaufen der Kinder kommen, zu Essens- oder Spielverweigerung oder zu Schlafstörungen. In der Schule fallen körperliche Anzeichen von Missbrauch weitgehend nicht auf (wenn, dann im Sportunterricht), sie spielen eher für Kinderärzte und Ärzte eine Rolle.  

 

Mittelfristige Reaktionen

Während sich manche Kinder nach erlebter sexueller Gewalt beschämt, ängstlich und ohnmächtig zurückziehen, zeigen andere distanzgemindertes, sexualisiertes oder aggressives Verhalten. Sexualisiertes Verhalten kann, muss aber nicht auf sexuelle Gewalt hinweisen (sexualisierte Sprache, altersunangemessenes Wissen, Entblößung, Zeichnungen, übergriffiges Verhalten gegen andere Kinder oder Erwachsene).

Je nach Persönlichkeit des Kindes und abhängig vom genauen Kontext, in dem die sexuelle Gewalt stattfand, richten Kinder die Symptomatik eher nach innen oder nach außen. Oft besteht auch eine starke Ambivalenz, da die Kinder das Erlebte einerseits verheimlichen, andererseits zur eigenen Entlastung aber auch darüber reden wollen.

Grenzverletzungen lassen Aggressionen und Hilflosigkeitsgefühle entstehen. Diese können als Autoaggressionen und selbstschädigendes Verhalten bis hin zu seltsam gehäuften Unfällen oder Suizidversu­chen nach innen oder aber als fremdaggressives Verhalten gegen andere nach außen gerichtet sein.

Alpträume und starke Erregungszustände stehen oftmals in Zusammenhang mit Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und dem Absinken schulischer Leistungen.

Psy­chosomatische Signale (z. B. Übelkeit, Schmerzzustände, Halsweh, Hautveränderungen) weisen auf den körperlichen Ausdruck psychischer Konflikte hin und können ein Signal sein, dass das Kind – z. B. aufgrund von Übergriffen - eine gestörte Beziehung zum eigenen Körper hat. Gleiches gilt für gestörtes Essverhalten im Rahmen von Adipositas, Bulimie oder Magersucht.

Auch Verwahr­losungssymptome (Selbstvernachlässigung) oder Suchtformen können auf sexuelle Gewalt hinweisen.

Zu gefühlsmäßigen Veränderungen zählen eine Abflachung der Affekte ebenso wie  starke Stimmungsschwankungen oder emotionale Zu­rückgezogenheit und ausgeprägte Ängste.

 

Spätfolgen

Die Spätfolgen sexueller Gewalt bestehen häufig in einem gestörten Selbst- und Körpererleben sowie einer gestörten Selbstregulation (Gefühle und Bedürfnisse), Selbstwertproblemen und beschädigter Selbstwirksamkeitsüberzeugung.

Sexuelle Probleme, sexuell enthemmtes Verhalten oder Prostitution stellen im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter mögliche Spätfolgen dar. Darüber hinaus kommt es zu einer Häufung von selbstschädigendem Verhalten (Alkohol, Drogen, Ritzen) oder Suizidgedanken bzw. –handlungen.  Zu beobachten ist zudem eine Häufung von psychiatrischen Krankheitsbildern wie dissoziativen Störungen, Somatisierungsstörungen, Angst und Depression.

 

Bewertung von Beobachtungen

Insgesamt ist Vorsicht geboten, weil Symptome oder Schilderungen von sexueller Gewalt im Rahmen anderer Störungsbilder „genutzt“ werden können, um die Aufmerksamkeit wichtiger Personen oder der Öffentlichkeit zu erlangen. Sie sollten sich daher auch innerlich vor eigenen Vorverurteilungen und Dramatisierungen wappnen. Sie müssen andererseits unbedingt den Schilderungen der Kinder Glauben schenken und den Symptomen nachgehen. Hierzu sollten Sie die Gesprächsregeln (vgl. Abschnitt 3.2) sowie die Vernetzung mit Kollegen und Fachpersonen beachten.

Die beschriebenen Symptome lassen sich als Strategien verstehen, mit der verwirrenden und bedrohlichen Erfahrung sexueller Gewalt, der Scham und dem Schweigegebot umzugehen. Die Symptome stellen einen Versuch des Kindes dar, Mechanismen zum Schutz und zum Ü­berleben zu entwickeln. Symptome sind weiterhin als konkrete Signale und Erwartungen der Kinder an die je­weiligen Bezugspersonen zu verstehen, die man in jedem Falle ernst nehmen muss, deren Bedeutung aber möglichst genau eruiert werden sollte.

Die vorrangige Aufgabe einer Lehrkraft ist es nicht, zu beweisen, dass es tatsächlich zu sexueller Gewalt gekommen ist, sondern für das Thema offen zu sein und dem Kind zu signalisieren, dass es ihm vertrauen kann.