Sexueller Missbrauch - Zentrale Befunde einer 2011 durchgeführten Repräsentativ-Erhebung in Deutschland

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung befragte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (=KFN)  2011 eine für die bundesrepublikanische Bevölkerung repräsentative Stichprobe von 11.428 Personen aus der Altersgruppe 16 bis 40 Jahre. L. Stadler, St. Bieneck und Chr. Pfeiffer formulierten im April und Oktober 2011 zentrale Befragungsbefunde.

Genauer können Sie diese nachlesen unter:

KfN - Forschungsbericht NR. 118 und hier Repräsentativbefragung Sexueller Missbrauch 2011 (Stadler, Bieneck, Pfeiffer 2012)

 

 

Im ersten Forschungsbericht konzentrieren sich die Autoren auf die 683 Personen aus der Stichprobe, welche angeben vor ihrem 16. Lebensjahr mindestens eine sexuelle Missbrauchserfahrung erlebt zu haben. 473 von ihnen berichteten von sexueller Gewalt mit Körperkontakt (Aufforderung zur Berührung des Täters, Berührung des Opfers, Penetration des Opfers mit dem Finger/einem Gegenstand etc., vaginale/orale/anale Penetration), 407 über das Entblößen eines Täters (Exhibitionismus) und 111 Personen über andere sexuelle Handlungen (sexuelle Handlungen mit als auch ohne Körperkontakt, welche die Befragten keiner der beiden anderen Kategorien zugeordnet haben). Die drei Missbrauchskategorien schließen sich nicht gegenseitig aus, Mehrfachnennungen waren möglich.

Zentrale Befunde der Erhebung:

1. Mit Körperkontakt missbraucht wurden:

  unter 14 Jahre       unter 16 Jahre
weiblich                    5,0 %  6,4 %
männlich                  1,0 %   1,3 %

       

2. Vergleich der Daten mit denen des Jahres 1992:

  1992 2011
weiblich                                8,6 %  8,0 % (heute 31 – 40-jährig)
6,4 % (heute 21 – 30-jährig)
2,4 % (heute 16 – 20-jährig)
männlich    2,8 % 1,8 % (heute 31 – 40-jährig)
1,1 % (heute 21 - 30-jährig)
0,6 % (heute 16 – 20-jährig)

      

3. Dieser in der Dunkelfeldstudie dokumentierte deutliche Rückgang des Missbrauchs wird auch durch die Hellfeld-Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik bestätigt. Dort ist die rückläufige Tendenz jedoch schwächer ausgeprägt, weil die Anzeigebereitschaft der Betroffenen deutlich größer ist als vor 20 Jahren.

4. Der Rückgang der Missbrauchszahlen wird von den Autoren erklärt mit:

  • Der Tatendrang potenzieller Missbrauchstäter wird durch die Anzeigebereitschaft der von Missbrauch Betroffenen gedämpft. In den 80er Jahren musste durchschnittlich jeder zwölfte Täter mit einem Strafverfahren rechnen, heute etwa jeder dritte.
  • Die öffentliche Aufmerksamkeit und Anteilnahme für die Opfer wuchs im Laufe der Jahrzehnte deutlich. Die Betroffenen werden durch Organisationen der Opferhilfe und andere Institutionen unterstützt. Politik, Medien und Anstellungsträger potenzieller Täter (Internate, Schulen, Sportvereine, kirchliche Einrichtungen, usw.) leisten in immer stärkerem Maße präventive Arbeit. Auch dadurch wächst für die Täter das Risiko der Tataufdeckung. Durch die verstärkte Sensibilisierung der Eltern und der Öffentlichkeit reduzieren sich darüber hinaus die Tatgelegenheiten.
  • Vernachlässigung und körperliche Misshandlung sind Risikofaktoren dafür Opfer sexueller Gewalt zu werden. Die innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat in den letzten 12 Jahren deutlich abgenommen, damit wurde auch das Missbrauchsrisiko geringer.
  • Väter, die ihre Kinder massiv schlagen, sind häufig auch Missbrauchstäter. Das Gewaltschutzgesetz vom 01.01.02 hat möglicherweise zum Rückgang der innerfamiliären Gewalt und damit zur Abnahme der Missbrauchsfälle beigetragen. (Diese These wird vom KFN noch geprüft.)

5. Die häufigsten Tätergruppen sind: 

  männliche Opfer weibliche Opfer
männliche Familienangehörige,
(insb. Onkel, Stiefväter, Väter)
44,4 % 39,6 %
bekannte männliche Personen,
(insb. aus dem Umfeld der Eltern, Nachbarn, Freunde)
25,3 % 44,0 %
unbekannte Personen 23,3 % 23,3 %
weibliche Personen 16,9 % 1,8 %

 

Der Rückgang sexuellen Missbrauchs betrifft vor allem Taten innerhalb der Familie. Nahezu konstant blieb in den letzten dreißig Jahren das Risiko von unbekannten Tätern missbraucht zu werden.

 

6. Die häufigsten Tätergruppen bei Missbrauch mit Körperkontakt:

(Mehrfachnennungen möglich)

näheres Umfeld der Opfer
männliche Bekannte 33,5 %
Freunde der Familie 14,4 %
weibliche Bekannte 1,0 %

 

Familie
Onkel 12,6 %
Stiefvater/Partner der Mutter 11,7 %
Vater                                      10,3 %
sonstige männliche Verwandte 10,3 %
weibliche Verwandte 1,6 %

 

Außenstehende  
männliche Unbekannte 23,3 %
weibliche Unbekannte 2,2 %

 

7. Tatorte sind:

  • bei Missbrauch mit Körperkontakt

Wohnbereich der Betroffenen bzw. des Täters                    25 – 35,1%

In der Regel gibt es eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer.

  • bei exhibitionistischen Taten

draußen im Freien                                                            36,1 %           

Wohnung der Betroffenen                                                  23,6 %

Bei 47,6 % der Taten ist dem Opfer der Täter nicht bekannt.

 

8. In der Studie wurde auch nach den außerfamiliären Kontexten, in denen das Opfer dem „bekannten Täter“ begegnet ist, gefragt:

8,6 % der weiblichen Opfer gaben an, dass der Täter eine männliche Lehrkraft war. 2,5 % kannten den Täter aus dem Bereich Freizeit/Sport. Von den 683 Betroffenen gab nur eine Person (entspricht 0,2%) an, von einem Priester missbraucht worden zu sein.

Die Autoren der Studie verweisen darauf, dass die in letzter Zeit in Deutschland bekannt gewordenen Missbrauchsfälle durch katholische Priester zu einem sehr großen Anteil von über 50-jährigen, die als Heranwachsende missbraucht worden waren, offenbart wurden, deren Missbrauchserfahrungen mehr als 35 Jahre zurückliegen. In einer Studie des John-Jay-College New York wurde festgestellt, dass Priester in der jüngeren Vergangenheit nur noch extrem selten als Missbrauchstäter in Erscheinung getreten seien. Ein völlig anderes Bild ergibt sich dagegen für den Zeitraum von 1965 – 1985, in dem die Zahl solcher Fälle pro Jahr noch zehn bis zwanzig Mal höher lag. Das KFN wird im Rahme eines Forschungsprojekts untersuchen, ob in Deutschland eine entsprechende Entwicklung festgestellt werden kann.

 

9. Hilfesuchverhalten

Betroffene wenden sich nach sexuellem Missbrauch mit Körperkontakt am häufigsten an Personen aus ihrem sozialen Nahraum:

  • beste Freundin (weibliche Opfer 39.6 %; männliche Opfer 23,7 %)
  • besten Freund (männliche Opfer 22,7 %)
  • Partner/Partnerin
  • im Haushalt lebende Familienangehörige.

Priester, Pastoren, professionelle Beratungseinrichtungen, Ärzte und Psychotherapeuten spielen im Vergleich zu den befreundeten oder verwandten Personen bei sexuellem Missbrauch mit Körperkontakt eine statistisch zu vernachlässigende untergeordnete Rolle. Wenn die Betroffenen angaben, Opfer „sonstiger sexueller Handlungen“ gewesen zu sein, wird professionelle Hilfe jedoch deutlich häufiger in Anspruch genommen (siehe unten).

 

Betroffene wenden sich, vor allem wenn sie Opfer „sonstiger sexueller Handlungen“ wurden, an:

  • im Haushalt lebende Familienangehörige (38,6 %)
  • die beste Freundin (37,0 %)
  • medizinisches Fachpersonal wie Ärzte, Ärztinnen, Psychotherapeuten, Psychotherapeutinnen (25 %).

 

10. Von den Opfern gewünschte Maßnahmen bei Missbrauch mit Körperkontakt:

Entschuldigung/Wiedergutmachung 17 %
Freiheitsstrafe ohne Bewährung 16,1 %
Beratung/Therapie für den Täter/die Täterin   8,0 %

                                                                      

11. Ergriffene Maßnahmen nach Missbrauch mit Körperkontakt

gar keine Maßnahme 70,0 %
Beratung/Therapie 13.4 %
Entschuldigung/Wiedergutmachung    11,3 %

Die Autoren schließen mit dem Hinweis, dass Kinder und Jugendliche darüber informiert werden müssen, an welche Stellen sie sich wenden können, wenn sie Opfer sexueller Gewalt wurden und welche Hilfsangebote ihnen zur  Verfügung stehen. Die in der Studie Befragten, welche ein Beratungs- und Therapieangebot in Anspruch genommen hatten, bewerteten dieses im Rückblick insgesamt als sehr hilfreich.

 

Aufdeckungsraten

Wenn man Erwachsene befragt, die als Kind sexuell missbraucht wurden, geben 58 bis 72 % an, ihre Gewalterfahrungen irgendwann einmal in ihrem Leben aufgedeckt zu haben (Priebe, G. & Svedin, CG., Child sexual abuse is largely hidden from the adult society: An epidemiological study of adolescents disclosures. Child Abuse Negl. 2008; 32: 1095-1108). Den Missbrauch bereits in der Kindheit aufgedeckt haben dabei die wenigsten, 50 - 66 % der befragten Opfer gaben an, dies erst als Erwachsener oder gar nicht getan zu haben. Informierte Gleichaltrige nehmen eine bedeutende Rolle im Aufdeckungsgeschehen ein. Bei der Präventionsarbeit muss deshalb den Heranwachsenden die Kompetenz vermittelt werden, Gleichaltrige mit sexuellen Gewalterfahrungen zu unterstützen und Zugang zu vertrauensvollen Erwachsenen zu finden, welche die erforderliche Hilfe leisten können